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Patience.

  Langsam, zärtlich, strich ich ihm mit den Fingern über die Wange. Betrachtete liebevoll seinen Bartwuchs – kurze Stoppeln hier und da, als hätte er sich nur nachlässig rasiert. Ich ließ meinen Blick über seine perfekten Augenbrauen wandern, spürte seinen amüsierten Blick auf meinem Gesicht, doch ich erwiderte ihn nicht. Wollte nicht das abwartende Glitzern in seinen Augen sehen, nicht die Belustigung aufgrund meines Verhaltens, nicht den Spott angesichts meiner Faszinierung. Nicht die Lust, tief in ihm, wie ein hungriger Wolf, gut versteckt – hinter Büschen auf der Lauer, mühsam unterdrückt und mit Herablassung verdeckt. Wollte nicht sehen, dass er mich nicht liebte, sondern nur begehrte, während ich hier in seinen Armen lag und zerfloss durch das Gefühl seiner wärmenden Hände auf meiner Hüfte.

  Meine Finger wanderten weiter, streichelten die Konturen seiner Wangen nach. Die hellen Stellen unter seinen Augen, die bläulichen Adern dort, die kaum wahrnehmbar durch die dünne Haut hervorschienen. Seine Nase, seine perfekte Nase, und seine weichen, verlockenden Lippen, die sich bei meiner Berührung leicht bewegten, als fragten sie gierig: Wann geht es los. Und der Blick – dieser Blick mit tausend Bedeutungen, aus denen man niemals die Wahrheit herauslesen kann. Diese Augen, die lügen, um mich zu betören.

  Und diese Geduld. Wie lange saß er schon da und ließ mich ihn bewundern? Wie lange wartete er schon, wie lange würde er noch warten wollen? Wir hatten beide einen Grund, hier zu sein, doch es war nicht derselbe. Ich bildete mir gerne ein, es sei Liebe, oder Schicksal, eine Fügung Gottes, unterzeichnet und akzeptiert vom Herrn selbst. Doch ich wusste es besser – es war Liebe, was mich anging. Selten hatte ein Junge in meinen Gedanken so viel Platz eingenommen, so viel Raum beansprucht wie dieser hier. Niemals gab es jemanden, der sich so viel meiner Zeit genommen hat, nein, dem ich mit Hingabe so viel meiner Zeit geschenkt hatte. Nie habe ich für einen Jungen meine grundlegenden Prinzipien aufgegeben, völlig gedankenlos, bereuend weder im Augenblick der Entscheidung noch lange nach Erkennen der Konsequenzen. Nie waren mir diese so egal gewesen wie bei diesem hier – diesem arroganten Jungen, viel zu alt für mich, mir zu ähnlich, um zu mir zu passen, und der sagte, dass er mich nicht liebte, und mich trotzdem walten ließ, weil er behauptete, mich zu mögen.

  Ich wusste es besser. So viel besser. Denn dieser Blick… der Blick, der nichts verriet, verriet alles. Es war Begehren, es war Verlangen. Es war Lust und es war Leidenschaft. Nicht der Herr im Himmel war es, der den Vertrag unseres Tuns und unserer unterschiedlichen Gefühle unterzeichnet hat, es war der Teufel selbst. Mit jeder Sekunde, die ich bei diesem Jungen verbrachte, schien ich die Hitze zu spüren, mit welcher Luzifer sein höllisches Siegel auf das glühende Papier drückte und den Pakt besiegelte - den Pakt, der Ketten war. Ketten, die sich um mein Herz schlangen und jeden Tag ein wenig enger wurden. Irgendwann war es vorbei. Irgendwann war alles vorbei. Und mein Herz würde zerspringen..

  Der Dolch unserer zweifelhaften Freundschaft fuhr ein weiteres Mal tief und schmerzhaft in das bereits wunde, angekettete und gefolterte Organ, das mich mit seiner steten Anstrengung am Leben hielt. Wie masochistisch und störrisch konnte ein Mensch sein? Wie ignorant und selbstzerstörerisch? Wie egoistisch, dass er nicht einmal davor zurückschreckte, sich selbst zu verletzen, wenn er dafür wenige Stunden eines vermeintlichen Glücks bekam?

  Glück. Welch relatives Wort. Was ist das denn, Glück. Gibt es das?

  Ich senkte den Blick, sah nun seine hellen Augen, die einem strahlend blauen Frühlingshimmel über der buntesten, wohlriechendsten Blumenwiese der Erde glichen, nicht einmal mehr aus den Augenwinkeln. Ich fuhr mit meinen Fingern seine Kehle entlang – seine Haut war hell, makellos und weich – und weiter hinunter. Als ich seinen Bauch erreichte, leicht gezwungen mit dem Zeigefinger Kreise um seinen Bauchnabel zog und schließlich mit gespielt kindlichem, unschuldigem Blick erwartungsvoll direkt in seine Augen sah, entschied ich, dass er für heute wohl genug gewartet hatte.

  Denn auch er hatte einen Pakt geschlossen.

  Sorrow.

9.4.14 17:29

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